SPIEGEL – Reportagen teilweise frei erfunden

Wie der SPIEGEL selbst berichtet, hat wohl einer seiner, mit mehreren Medienpreisen ausgezeichneter, Mitarbeiter seit einigen Jahren Geschichten erfunden oder aufgehübscht.

Dass der SPIEGEL die Story selbst bringt, muss man hoch anrechnen, auch wenn natürlich der Nebeneffekt erreicht wird, sich eine Position bei den Kapitulationsverhandlungen mit der Öffentlichkeit zu sichern und den initialen „drive“ zu bestimmen, den die Geschichte bekommt.


Diese Enthüllung, die einer Selbstanzeige gleichkommt, ist für den SPIEGEL, für seine Redaktion, seine Dokumentationsabteilung, seinen Verlag, sie ist für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Schock. Die Kolleginnen und Kollegen sind tief erschüttert. Auf dem Flur im neunten Stock des SPIEGEL-Hauses […] sind Belegschaft und Leitung des Gesellschaftsressorts, in dem er arbeitete, fassungslos und traurig. Ein Kollege […] sagte Anfang dieser Woche, die Affäre fühle sich an „wie ein Trauerfall in der Familie“.


Dass es Relotius gelingen konnte, jahrelang durch die Maschen der Qualitätssicherung zu schlüpfen, die der SPIEGEL in Jahrzehnten geknüpft hat, tut besonders weh, und es stellt Fragen an die interne Organisation, die unverzüglich anzugehen sind.

[…]

DER SPIEGEL wird eine Kommission berufen, der auch Externe angehören werden, um die Vorgänge aufzuklären und um Wiederholungsfälle zu vermeiden. Ausschließen lassen sie sich, auch bei bestem Willen, nicht.

SPIEGEL legt Betrugsfall im eigenen Haus offen – 19.12.2018

Kommission zur Prüfung aller betroffener Artikel eingesetzt

Der SPIEGEL hat sicherlich auf dem Schirm, dass die Glaubwürdigkeit der gesamten Presse auf dem Spiel steht. Die Einsetzung einer (zum Teil) unabhängigen Kommission ist daher der richtige Schritt.

In einem verlinkten Artikel heißt es zur geplanten Kommission:

Die unabhängige Kommission wird aus drei erfahrenen internen und externen Personen bestehen, die aus den redaktionellen Strukturen weitgehend herausgelöst allen Hinweisen auf Manipulation nachgehen soll.

Wie der SPIEGEL auf die Fälschungen reagiert – 19.12.2018

Daraus wird nicht ganz ersichtlich, ob es insgesamt drei Personen sein werden oder drei interne und drei externe Beteiligte. Es sind wohl aber nur drei Beteiligte insgesamt, weil es weiter unten heißt:

Der Kommission werden unter anderem angehören: Clemens Hoeges, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des SPIEGEL, langjähriger Ressortleiter, Reporter und Autor, und Stefan Weigel, ab 1.1.2019 Nachrichtenchef der integrierten SPIEGEL Redaktion, zuvor stellvertretender Chefredakteur der „Rheinischen Post“ und der „Financial Times Deutschland“. Mit weiteren externen Kandidatinnen für die dritte Position sind wir aktuell im Gespräch.

Wie der SPIEGEL auf die Fälschungen reagiert – 19.12.2018

„Bis hin zur Chefredaktion wird in Artikel redigierend und hinterfragend eingegriffen.“

Diese Besetzung ist ein wenig enttäuschend. Da recherchiert der Betroffene (der SPIEGEL) also im Wesentlichen selbst. Das ist schon deshalb misslich, weil doch alle beim SPIEGEL so schockiert seien und sich die Sache wie ein Trauerfall anfühle. Auch eine gewisse Wut wird sich auf den Betreffenden eingestellt haben. Stellenweise kann man das zwischen den Zeilen lesen. Interessant wäre beispielsweise zu wissen, ob die Angehörigen der Kommission in irgendeiner Verbindung zu den betroffenen Artikeln stehen.

Die grundsätzliche Führung der Redakteure, die Begleitung der Themenrecherche und die journalistische Abnahme des Textes liegt bei den Ressortleitern und anderen Vorgesetzten. Bis hin zur Chefredaktion wird in Artikel redigierend und hinterfragend eingegriffen.

Wie das SPIEGEL-Sicherungssystem an Grenzen stieß – 19.12.2018

Für Clemens Hoeges scheint das in gewisser Weise sogar nahezuliegen. Er wurde zum 01.04.2014 stellvertretender Chefredakteur. Da der betreffende Journalist 2014 begann, Artikel für den SPIEGEL zu schreiben, fällt dass auch in Hoeges Zeit. Wann genau er diesen Posten wieder abgab, konnte ich auf die Schnelle nicht finden. Jedenfalls berichtete meedia.de am 02.04.2015 davon, dass er ihn wieder verlor. Die dort genannten Umstände sind jedenfalls interessant.
Ich bin mir auch nicht sicher, ob Stefan Weigel tatsächlich die richtige Besetzung ist. Nach einem Bericht von horizont.net soll er ab 2019 die „Publikationsstrategie der Nachrichten in Print und Online steuern“.

Die möglichen Folgen eines schlecht gelegten Fundaments

Der SPIEGEL steht also vor einer gewaltigen Aufgabe, an deren Anfang möglicherweise schon das Ende steht. Sollte sich im Nachgang herausstellen, dass es Verbindungen der Kommissionsmitglieder zum betreffenden Journalisten oder der von ihm verfassten Artikel gibt, dürfte der Glaubwürdigkeitsverlust nicht mehr gut zu machen sein. Man müsste sich dann nämlich die Frage gefallen lassen, ob da nicht versucht wurde, die eigene Haut zu retten. Auch deshalb hätten sich mehr externe Mitglieder empfohlen.

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